Anthroposophische Gesellschaft, Aachener Zweig
Das Zweighaus

Das Haus Niechciol

In den Jahren 1975 bis 1977 hat Frau Ruth Niechciol in enger Zusammenarbeit mit dem Architekten Michael Danke das Haus in der Bleibergerstraße 174 in Aachen als Wohnhaus erbaut. Da beide Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft sind, haben sie dieses Haus nach den Angaben und Empfehlungen von Rudolf Steiner geplant. In Bezug zu Goethes Märchen über die grüne Schlange und die schöne Lilie ließ Frau Niechciol ein geschnitztes Schild über der Haustüre anbringen mit der Inschrift "Es ist an der Zeit".

Nach dem Tode von Frau Niechciol (30. 10. 1994) verzichtete ihr Sohn auf seinen Anspruch auf das Haus - so kam es in den Besitz der "Lebensgemeinschaft La Branche" in der Schweiz. Wegen der großen Entfernung Aachen - La Branche konnte die Lebensgemeinschaft das Haus nicht selbst mit Leben füllen und vermietete es an die Familie Bach, die dort die "Kaspar-Hauser-Ambulanz" einrichtete. In dem Prospekt der Kaspar-Hauser-Ambulanz steht:
    Eingang und Gehör finden hier Eltern und Kinder mit ihren Sorgen und Nöten. Das Kind, der junge Mensch ist anders als wir wünschen. Vielleicht behindert, entwicklungsverzögert, verhaltensauffällig oder erziehungsschwierig. Wir nennen es "seelenpflegebedürftig", denn dieser Begriff grenzt nicht aus und kategorisiert nicht. Er sagt bloß, was getan werden sollte. Für die Zukunft hat sich die Kaspar-Hauser-Ambulanz vorgenommen, seelenpflegebedürftigen Erwachsenen (geistig oder körperlich behinderten Personen) ein zur Selbständigkeit hinführendes Wohnen außerhalb einer Behindertenwohnstätte zu ermöglichen. Zum Namen "Kaspar Hauser" darf erwähnt werden: 1828 tauchte in Nürnberg am Pfingstmontag ein junger Mann auf, der ab seinem 3. Lebensjahr mindestens 12 Jahre in einem dunklen Verlies eingesperrt war und von unbekannten Personen nur notdürftig an Leben gehalten wurde. Sämtliche Voraussetzungen für eine menschengerechte Entwicklung wurden ihm vorenthalten. Als der 15-jährige auftrat, fand er in dem Lehrer Daumer einen Menschen, der sich seiner ganz besonders annahm, der seine Erziehung übernahm und alle Entwicklungsschritte Kaspar Hausers, wie man den jungen Mann nun benannte, genau beobachtete und dokumentierte.

    Kaspar Hauser konnte kaum stehen und gehen, nur vereinzelte Worte sprechen, er konnte weder lesen, schreiben noch rechnen. Er verweigerte, bis auf Wasser und Brot, alle Nahrung. Mit seinem Wesen berührte er die Menschen Nürnbergs ganz eigenartig und der damalige Bürgermeister Binder begründet dies mit den Worten: "Sein reiner, offener schuldloser Blick, seine unbeschreibliche Sanftmut, seine alle anziehende Herzlichkeit und Gutmütigkeit, in der er mit Innigkeit selbst seines Unterdrückers gedenkt ... seine ebenso aufrichtige als rührende Ergebenheit an alle diejenigen, welche häufig mit ihm umgehen...sein Vertrauen aber auch in alle anderen Menschen, seine Schonung des kleinsten Insekts." (s. P. Tradowski) So weist diese Gestalt des Kaspar Hauser trotz aller Rätselhaftigkeit seines Daseins darauf hin, dass jeder Mensch, egal ob behindert, entwicklungsgestört oder "normal", seine unverwechselbare geistig-seelische Individualität besitzt, die geschützt und gepflegt werden sollte.

    Nicht dieses Ich, die geistige Individualität, kann gestört sein sondern allein der Vorgang der Hüllenbildung: Die Inkarnation (s. R. Steiner: "Allgemeine Menschenkunde") In diesem Sinne möchte auch die Kaspar-Hauser-Ambulanz durch ihren Namen immer wieder anknüpfen an den Gedanken, dass die Eigenschafen des Kaspar Hauser, die er trotz (oder gerade wegen) seiner leidvollen Kindheit entwickeln konnte und die so viele Menschen faszinieren, in jedem Kind angelegt sind.
Im Jahre 1999 zeichnete es sich ab, dass die Lebensgemeinschaft das Haus nicht mehr aus der Ferne betreiben wollte, und als sich durch behördliche Auflagen in La Branche ergab, dass eine teure Arbeit an der Kanalisation durchzuführen war, wurde das Haus der Anthroposophischen Gesellschaft angeboten, die es nach der Erwerbung dem Aachener Zweig anbot. Eine "Tochter" der Anthroposophischen Gesellschaft, zur Verwaltung von Nachlässen und Schenkungen (VVV) gegründet, nahm das Haus in ihren Bestand auf.

Zu Michaeli 2000 - nach einigen Renovierungsarbeiten - zog der Zweig aus seinem langjährigen Domizil im Löhergraben in die Bleibergerstraße 174 um. Dieser Umzug führte zwar zu einigen Erschütterungen unter den Mitgliedern, aber das Zweigleben füllte sich mit Begeisterung. Die "Einweihung" als Zweighaus fand zu Michaeli mit einem Vortrag von Christof Lindenau über das Märchen Goethes von der grünen Schlange und der schönen Lilie unter Anwesenheit vieler Gäste statt.

Schon bald zeigten sich finanzielle Probleme bei der "Tochter" VVV; zur Deckung entstandener Finanzlücken bot man das Haus zunächst im anthroposophischen Umfeld zum Kauf an. Da sich dabei kein Käufer zeigte, wurde es anschließend auf dem öffentlichen Markt verkauft. Der Aachener Zweig ist seitdem Mieter des Hauses. Neben den Aktivitäten des Zweiges findet ferner "Betreutes Wohnen" statt.

Artikel: Prof. Dr. Rolf Schäfer